Ärztliche Osteopathie und Funktionelle Muskeldiagnostik

Es gibt immer wieder Situationen und Fälle, in denen Menschen eine gesundheitliche Störung haben, eindeutige Symptome zeigen, jedoch mit konventionellen Untersuchungen wie Ultraschall oder MRT keine Auffälligkeiten festgestellt werden können. Auch medikamentöse Behandlungen oder Physiotherapie führen nicht immer zum nachhaltigen Erfolg.

Möglicherweise liegt die Ursache für das gesundheitliche Problem in einer funktionellen Störung im Körper, und die sind nicht so ohne Weiteres sichtbar. In solchen Situationen können die Osteopathie und die Funktionelle Muskeldiagnostik oft effektive Tools sein, um die tatsächliche Ursache zu finden und daraus nachhaltige Therapieansätze ableiten zu können.

Was ist Osteopathie?

Die Osteopathie ist ein ganzheitliches medizinisches Behandlungskonzept auf der Grundlage anatomischer und physiologischer Erkenntnisse. Der menschliche Organismus ist als große Einheit durch Bindegewebe, Faszien, Knochen, Sehnen und Organe miteinander verbunden. So hängt alles mit allem zusammen, und daher kann auch beispielsweise eine muskuläre Störung ihre Ursache an ganz anderer Stelle haben als dort, wo die Symptome auftreten. Im Prinzip kann man sagen: Osteopathie ist angewandte Anatomie.

Osteopathie ist angewandte Anatomie.

Mit manuellen ärztlichen Behandlungen, bestimmten Griff- und Dehntechniken können zum Beispiel Blockaden oder Verspannungen im Bewegungsapparat, an inneren Organen und am Nervensystem gelöst werden. Osteopathische Behandlungen können zudem die Selbstheilungskräfte des Körpers anregen, wobei auch der Lebensstil und die Selbstbehandlung eine wichtige Rolle für den Therapieerfolg spielen.

Anatomie und Physiologie als Grundlagen

Anatomie und Physiologie mit Biochemie bilden die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Medizin und auch der ärztlichen Osteopathie. Manche bezeichnen eine osteopathische Behandlung auch als „Operation ohne Messer.“ Wie der Chirurg braucht auch der Osteopath genaue Kenntnis über die anatomischen Strukturen für eine gezielte Diagnostik und Therapie.

Analyse der Haltung als wesentliches Element

Die Körperhaltung insgesamt und die Haltung bestimmter Körperregionen beeinflusst die Funktion und die Gesundheit. Umgekehrt beeinflusst eine gestörte Gesundheit – egal, ob physiologisch oder psychisch – die Haltung.

Allein die Haltungsanalyse kann daher schon wichtige Hinweise auf zugrunde liegende Störungen geben. Eine verbesserte Haltung und dadurch ein höheres Gesundheitsniveau ist in aller Regel das (Teil-) Ziel einer osteopathischen Behandlung.

Grundannahmen und Geschichte

Das Grundkonzept der Osteopathie beruht auf Beobachtungen und Erkenntnissen des amerikanischen Arztes Dr. Andrew Taylor Still aus dem 19. Jahrhundert. Aus anatomischen und physiologischen Grundlagen leitete er Untersuchungen und Behandlungen ab. Dabei spielt die tastende Untersuchung mit den Händen eine wesentliche Rolle für die Diagnose.

„Gesundheit zu finden sollte das Ziel des osteopathischen Arztes sein. Krankheit kann jeder finden.“ (Andrew Taylor Still)

Die wissenschaftliche Weiterentwicklung fand und findet seitdem nicht nur in den USA, sondern auch in Europa und speziell in Deutschland statt. Die größte deutsche Ärztegesellschaft für Osteopathie pflegt eine enge Kooperation mit amerikanischen Universitäten und der Ärztegesellschaft, was sich auch im Namen DAAO, Deutsch-amerikanische Assoziation für Osteopathie, zeigt.

Die Ausbildung findet nach Standards der amerikanischen Universitäten statt. In den USA ist ein Doctor of Osteopathy (D.O.) einem Medical Doctor (M.D.; entspricht der deutschen Berufsbezeichnung Arzt) gleichgestellt, weil auch die Ausbildung in weiten Teilen gleich ist. Die spezielle manuell-medizinische Ausbildung findet ergänzend zum medizinischen Grundstudium statt.

Wie wird man in Deutschland ärztlicher Osteopath?

In Deutschland wird nach dem Medizinstudium eine fünfjährige Facharztausbildung plus eine Zusatzausbildung in Manueller Medizin plus eine Ausbildung in Osteopathie nach amerikanischem Universitätsstandard gefordert, um den Titel D.O. DAAO (Doktor der Osteheopathie mit Osteopathie-Diplom der DAAO) und das europäische Qualitätssiegel der EROP (European Register of Osteopathy) zu erlangen.

Ganz schön viel? Ja, aber hier liegt auch der wesentliche Unterschied zu Heilpraktikern oder Physiotherapeuten, die teilweise auch mit osteopathischen Techniken arbeiten. Ohne deren durchaus auch hohe Arbeitsqualität in Frage stellen zu wollen: Es fehlt eben die Einbindung in die Medizin als Ganzes.

Sportosteopathie: Komplexe Bewegungsmuster im Fokus

Leistungssportler oder ambitionierte Hobbysportler sind natürlich besonders auf einen gut funktionierenden Bewegungsapparat angewiesen. Je nach Sportart sind unterschiedliche Bewegungsmuster wichtig für den Erfolg. Ein Fußballer oder Basketballer benötigt andere Abläufe als ein Golfer oder Schwimmer. Immer sind aber komplexe Muster muskulärer Aktivierung erforderlich. Diese müssen noch schneller und effektiver funktionieren als bei Bewegungen im Alltag.

Allein um zu laufen oder zu schwimmen, müssen im schnellen Wechsel bestimmte Muskelgruppen angespannt und andere entspannt werden. Soll zusätzlich über Bewegungen der Arme beispielsweise ein Ball in einen Korb befördert werden, wird das neuromuskuläre Wechselspiel unglaublich komplex.

Wenn in diesen Abläufen Störungen auch nur eines Muskels auftreten, kann das zu erheblichen Leistungseinbußen führen. Andererseits kann infolge mangelnder Stabilisierung auch die Verletzungsgefahr steigen.

Mit den speziellen medizinischen Anforderungen im Leistungssport befasst sich die Sportosteopathie, die Erkenntnisse und Techniken aus Osteopathie und Sportmedizin verbindet.

Gesundheit ganzheitlich betrachten: Die Triad of Health

Ein amerikanischer Osteopath stellte die Theorie auf, dass Gesundheit durch ein ausgewogenes Zusammenspiel zwischen strukturellen, biochemischen und psychischen Aspekten bestimmt wird. Alle drei Ebenen haben Einfluss auf die Gesundheit und beeinflussen sich zudem gegenseitig. In der Folge sollte eine Störung der Gesundheit auch auf allen drei Ebenen betrachtet und behandelt werden.

Das Konzept wird veranschaulicht durch ein gleichseitiges Dreieck, die Triad of Health: Ist eine der Seiten verkürzt, zu lang oder verzogen, ergibt sich kein gleichseitiges Dreieck mehr. Übertragen auf die Gesundheit: Gerät eine der drei Ebenen durch ein gesundheitliches Problem in Schieflage, ist unmittelbar auch die Gesamtgesundheit gestört.

Mit dieser Betrachtungsweise blicken wir auf den Menschen als komplexes Individuum und auf Gesundheit als komplexes System mit weit mehr als nur den Kategorien „krank“ und „gesund“.

Ein Beispiel: Verspannte Nackenmuskeln können direkt Schmerzen im Muskel auslösen, sie können aber auch heftige Kopfschmerzen verursachen. Die emotionale Stimmung wird in so einer Situation nicht gut sein. Auf der biochemischen Ebene geht die Verspannung möglicherweise mit einem gestörten Energiestoffwechsel einher, oder aber mit der Ausschüttung von Schmerzstoffen. Wir sehen: Ein zunächst strukturelles Problem hat unmittelbare Folgen für die Psyche und die Biochemie.

Aber nicht nur die Folgen eines Symptoms können sich auf den anderen Ebenen zeigen, auch die Ursache der Verspannung kann potenziell auf jeder der drei Ebenen liegen:

  • Strukturelle Ursache: Sie haben schief gelegen
  • Biochemische Ursache: Sie haben einen Mangel an Magnesium
  • Psychische/emotionale Ursache: Sie haben Stress, weil Sie zu lange gesessen haben, um einen irre langen Artikel über Osteopathie zu lesen

Funktionelle Muskeldiagnostik

Die Triad of Health bildet auch die konzeptionelle Grundlage für die Applied Kinesiology: eine ebenfalls aus den USA stammende ganzheitliche Untersuchungs- und Therapiemethode, die auf manuellen Untersuchungen und speziell der Testung von Muskeln basiert. Die Methode heißt daher in Deutschland auch Funktionelle Muskeldiagnostik.

Sämtliche Muskeln des Menschen werden vom Nervensystem gesteuert. Damit wir stehen oder gehen können, müssen ständig Informationen aus dem Gewebe ans Gehirn gesendet werden. Im Gehirn werden dann Muster für Bewegung und Haltung geschaffen, die zur Aktivierung oder Entspannung entsprechender Muskeln führen. Dieses Wechselspiel passiert in Bruchteilen von Sekunden.

Im funktionellen Muskeltest wird untersucht, ob und unter welchen Bedingungen Muskeln normal vom Nervensystem angesteuert werden oder ein funktionelles Störmuster zeigen.

Für die Muskelfunktion spielen wiederum strukturelle, biochemische und emotionale Prozesse zusammen. Durch die funktionelle Untersuchung der Muskeln können wir einen Einblick in die komplexen Prozesse des Nervensystems bekommen. Daraus lassen sich Behandlungskonzepte ableiten, die im strukturellen Bereich auf osteopathische Techniken zurückgreifen, aber nicht nur.

Im biochemischen Bereich können Medikamente, vor allem aber auch Nährstoffe und naturheilkundliche Mittel eingesetzt werden. Die potenzielle Wirksamkeit kann vorab über eine Testung der Muskelfunktion und den damit verbundenen Einfluss auf das Nervensystem analysiert werden. Emotionale Auslöser können durch entspannende Atemtechniken, durch Meditation und andere Strategien zur Stressreduktion oder auch durch verbale Intervention etwa im Rahmen einer Psychotherapie behandelt werden.

Für wen sind Osteopathie und Funktionelle Muskeldiagnostik und nun geeignet?

Die ganzheitlichen Ansätze für eine Gesundheit im Gleichgewicht sind für alle Menschen passend, die ihre Gesundheit und individuelle Leistungsfähigkeit erhalten oder bei Störungen frühzeitig Hilfe suchen möchten. Bei vielen gesundheitlichen Problemen wie orthopädischen Erkrankungen, inneren Erkrankungen oder Störungen des Nervensystems können Osteopathie und Funktionelle Muskeldiagnostik hilfreiche Ergänzungen sein. Oft können wir mit diesen Konzepten die tatsächlichen Ursachen der Störung finden und diese nachhaltig beheben.

Typische Störungen, bei denen Osteopathie und Funktionelle Muskeldiagnostik oft Erfolg bringen, sind:

  • Muskelschmerzen und Gelenkprobleme
  • Kopfschmerzen, Nackenschmerzen, Rückenschmerzen
  • Schwindel, Migräne
  • Menstruationsbeschwerden
  • Konzentrationsstörungen, Lernstörungen
  • Bauchbeschwerden wie Reizdarm

Zusammenfassend gesagt: Immer dann, wenn eine gestörte Beweglichkeit im weitesten Sinne die Ursache für gesundheitliche Beschwerden ist, dann sind Osteopathie und/oder Funktionelle Muskeldiagnostik wirksame Tools.

Ergänzende Selbstbehandlung

Immer wichtig aus funktionell-neurologischer und osteopathischer Sicht ist die Mitarbeit des Klienten oder Patienten. Das bezieht sich auf die Behandlungssitzung an sich und auf das eigene Tun zwischen und nach den Behandlungen. Ohne Sie und Ihr eigenes Engagement geht es nicht wirklich voran. Manchmal ist aber auch gerade das gezielte Nichtstun heilsam. Das sehen wir von Fall zu Fall.

Was Sie konkret für die Stärkung Ihrer Gesundheit im Alltag tun können, erfahren Sie im nächsten Beitrag.

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